Sophia Schmid wechselt als selbst ausgebildetes Eigengewächs fest ins Team Lebenshilfe Lindau. Geschäftsführerin Esther Hofmann gratulierte der 21-Jährigen zur erfolgreichen Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Sophia erzählt im Interview, was sie an ihrem Job fasziniert, wie sie ihr Weg zur Lebenshilfe Lindau geführt hat und warum in den Köpfen vieler junger Menschen noch falsche Vorstellungen herumgeistern.
Sophia, Glückwunsch zur bestandenen HEP-Ausbildung! Klasse, dass Du bei uns um Team Lebenshilfe Lindau bleibst. Was hat den Ausschlag gegeben?
Sophia Schmid: Ich finde hier vor allem dieses Konzept der Autisten-Gruppe ultra spannend. Ich arbeite total gerne mit der Klientel zusammen. Und ich mag es auch, dass hier alles irgendwie miteinander vernetzt ist, gerade mit dem Wohnheim und der Werkstatt. Man kennt sich mit der Zeit einfach untereinander, der gemeinsame Team-Gedanke ist toll. Und ich mag einfach auch mein eigenes Team mega gerne. Außerdem habe ich hier auch perspektivisch viele Möglichkeiten, gerade mit Blick auf Fortbildungen. Es ist cool, dass man da auch gefördert wird.
Gehen wir mal ein paar Schritte zurück. Du bist jetzt 21, hast schon Deine erfolgreiche Ausbildung in der Tasche und einen festen Job. Wie bist Du nach der Schule mit der sozialen Arbeitswelt in Kontakt gekommen?
Ich habe auf dem Wirtschaftsgymnasium Abitur gemacht, wusste aber danach einfach noch nicht so genau, was ich beruflich machen will. Dann habe ich den Tipp bekommen, dass es sich eigentlich immer lohnt, ein soziales Jahr zu machen, weil man dabei viele Einblicke und Eindrücke bekommt und sich auch menschlich weiterentwickelt. Das habe ich bei der Lebenshilfe Lindau dann auch gemacht. Und es hat mir so gut gefallen, dass ich hiergeblieben bin und meine Ausbildung gemacht habe.
Das freiwillige soziale Jahr (FSJ) als Einstieg. Du meintest, dass man sich dabei als junger Mensch auch weiterentwickeln könne. Hat sich das bei Dir bestätigt?
Total! Ich habe vor allem noch mehr Sozialkompetenz gelernt, den zwischenmenschlichen Umgang. Ich habe nicht nur gelernt, offener auf unbekannte Menschen zugehen zu können, sondern sich auch noch besser und schneller auf die verschiedenen Persönlichkeiten von Menschen einstellen zu können. Wie ticken die Menschen? Wie muss ich mit wem umgehen?
Das klingt nach wertvollen Selbsterfahrungen.
Definitiv. Gerade auch die Sensibilität für die Tatsache, dass es in unserer Gesellschaft einfach viele Minderheiten gibt, die nicht gesehen werden, die aber da sind und auch eine Stimme brauchen. So wie die von uns betreuten Menschen mit Behinderungen.
In der Wahrnehmung gerade junger Menschen hält sich leider immer noch sehr hartnäckig der Mythos, dass man von einem sozialen Beruf wie Heilerziehungspfleger*in nicht leben könnte. War das bei Dir auch so?
Tatsächlich ja. Vor meinem FSJ auf jeden Fall. Ich hatte wenig Vorstellung von dem Beruf, bis auf die Klischees, die man dazu immer hört. Ich dachte auch, dass man da unter schlechten Arbeitsbedingungen schlecht verdienen würde. Und ganz ehrlich: Ich konnte mir zunächst auch nicht vorstellen, dass mir die Arbeit gefällt. Weil man von den Lebenswelten der Menschen mit Behinderung so weit weg ist, weil sie so wenig Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit haben. Ich hatte keine Vorstellung von Behindertenarbeit.
Das hat sich dann mit dem FSJ ja geändert. Und das Gehalt - ist es denn so schlecht?
Nein. Definitiv nein. Wenn wir im Freundeskreis darüber sprechen und ich dann sage, was ich in der Ausbildung verdient habe und was ich jetzt verdienen werde, dann sind alle immer total überrascht und hätten das nicht erwartet.
Also hält sich dieser Mythos von negativen Rahmenbedingungen über soziale Berufe auch weiterhin.
Ja. Und das muss sich ändern. Es muss unbedingt raus aus den Köpfen.
Was bedeutet der Beruf der Heilerziehungspflegerin für Dich?
Ganz klar: Hilfe zur Selbsthilfe. Wir unterstützen den Menschen in Situationen, die er zunächst selbst nicht schafft. Aber wir unterstützen ihn so, dass er es dann selber schafft, anstatt ihm alles abzunehmen.
Menschen helfen, sie unterstützen, das Leben für andere Menschen lebenswerter machen. Macht das Deinen Job so besonders?
Es ist die Sinnhaftigkeit. Die hat für mich auf alle Fälle eine große Bedeutung. Ich sehe das ja auch, wenn die Menschen sich positiv entwickeln. Ganz krass habe ich das bei Nathi erlebt (Spitzname einer Betreuten). Nachdem ich angefangen habe, noch mehr mit ihr zu arbeiten, hat sie neue Wörter gelernt, sie konnte besser sprechen und sich dadurch besser mitteilen. Da sitzt man dann da und denkt sich: Wow. Irgendwie konnte ich jetzt dazu beitragen, dass dieser Mensch eine höhere Lebensqualität hat und selbstständiger wird. Und das ist schon ein besonderes Gefühl.
Genau das macht die sozialen Berufe auch aus. Man kann tatsächlich etwas bewegen. Motiviert das zusätzlich und erhöht den Spaß am Job?
Absolut! Und ich bin auch der Meinung, dass man dabei von unseren Menschen mit Behinderungen selbst etwas fürs Leben lernen kann. Gerade so etwas, wie den Moment zu genießen, den Augenblick zu leben, anstatt sich ständig Gedanken über irgendetwas in der Zukunft zu machen. Da sitze ich dann manchmal da und werde von unseren Betreuten daran erinnert.
Wenn Dich junge Menschen vor dem Schulabschluss fragen würden, warum sie einen ähnlichen Berufsweg einschlagen sollten, wie Du ihn eingeschlagen hast, was würdest Du antworten?
Es ist schon mal extrem spannend, dass man sehr breit aufgestellt ist. Von der Behinderteneinrichtung über Psychiatrie und forensische Psychiatrie über Kinder und Erwachsene bis hin zu älteren Menschen – man ist mit seiner Job-Wahl nicht dauerhaft auf ein Arbeitsumfeld festgelegt. Man entwickelt zudem auch ein umfassendes Fachwissen. Was ich in den drei Jahren alles gelernt habe, sei es über Behinderungen, über pädagogische Ansätze, über Inklusion, aber auch und über Sozialpolitik und Wirtschaft – das ist unglaublich spannend und breit gefächert. Und die angesprochene Sinnhaftigkeit im eigenen Tun rundet das wunderbar ab. Ich arbeite einfach sehr gerne in diesem Bereich, gerade mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Ich mag es einfach, wie diese Leute denken.
Sophia, toll, dass Du bei uns bist. Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Deinen weiteren Weg.
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