Es ist kurz nach 7 Uhr am Morgen. Auf der Landstraße von Wangen nach Isny hält sich der Verkehr noch in Grenzen. Ganz anders ein paar Meter nebenan im Weiler Handwerks. Dort liegt der Kempterhof direkt an der Staatsstraße 2003 in einer sanften Linkskurve. Und in der Küche des Hofmarktes laufen die Vorbereitungen auf einen anstrengenden Produktionstag.
Wegen des Feiertages Christi Himmelfahrt werden heute mehr Lebensmittel verarbeitet als gewöhnlich, erzählt mir Timo. „Das kann heute schon leicht bis 15 Uhr gehen.“ Timo ist ein Betreuter der Lebenshilfe Lindau. Im Februar war er mit dem Zertifikat über die Teilnahme am Berufsbildungsbereich (BBB) ausgezeichnet worden.
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„Während der zwei Jahre und drei Monate hatten die BBB-Teilnehmer die Möglichkeit, interne wie auch externe Praktika zu absolvieren und an verschiedenen Bildungsangeboten und begleitenden Angeboten des Berufsbildungsbereichs teilzunehmen“, erklärt Gisela Rudhart aus dem BBB der Lindenberger Werkstätten.
“Wer von der Arbeit träumt, der arbeitet zu viel.”
Timo
Da Timos Mutter Stammkundin beim Kempterhof ist, ergab sich nach ein paar persönlichen Gesprächen für Timo die Chance, dort sein externes Praktikum zu absolvieren. Im Anschluss konnte Timo dort bleiben. Mittlerweile gehört er fest zum Küchenteam um Gerlinde, Selina und Steffi. Timos Kernkompetenz liegt in der Herstellung der bekannten Kempter-Knödel.
Durchaus eine Herausforderung, wie er erklärt: „Wir haben ja nicht nur den Semmelknödel. Wir machen am selben Tag auch noch Käseknödel, Spinat-, Speck-, Gemüse-, Dinkel- und sogar Chili-Knödel.“ Alle Prozesse sind daher fein aufeinander abgestimmt. So wird etwa der Speck-Knödel ganz zum Schluss produziert, um fleischliche Spurenelemente in den vegetarischen Varianten auszuschließen, wie Gerlinde verrät.
“Mir geht es da schlichtweg um Vielfalt, die höchst förderlich ist, auch für das ganze Team. Timo bringt mit seiner Art einfach eine coole Frische mit rein.”
Kilian Kempter
Während sich Timo vor einem Turm aus Eiern in Stellung bringt, um in den kommenden zwei Stunden Hunderte davon aufzuschlagen, spricht Kilian Kempter über das besondere Arbeitsverhältnis mit einem Menschen mit Einschränkungen: „Mir geht es da schlichtweg um Vielfalt, die höchst förderlich ist, auch für das ganze Team. Timo bringt mit seiner Art einfach eine coole Frische mit rein“, so der 37-jährige Hof-Chef.
Das spürt man im Umgang untereinander, der von Wertschätzung geprägt ist. Auch im Küchenteam ist zudem Timos Talent fürs Witze-Erzählen längst angekommen, wie Gerlinde schmunzelnd bestätigt, die auch seine Zuverlässigkeit etwa beim Abwiegen schätzt. „Wenn ich vier Kilogramm Käse brauche, dann bekomme ich auch genau vier Kilogramm Käse.“
In diesem Moment kommt Timo aus dem Kühlhaus, im Arm einen großen Sack Bergkäsemischung. Die Waage zeigt 3.934 Gramm an – Timo lässt aus dem mehrere Kilo schweren Sack 66 Gramm in die Waagschale rieseln.
“Das Ziel ist, die Gesamtpersönlichkeit positiv weiterzuentwickeln und einen Arbeitsplatz zu finden, der für den Menschen leistbar ist, an dem er sich wohlfühlt und der ihm Spaß macht."
Gisela Rudhart
Und zwischendurch schüttelt er konfuzianische Lebensweisheiten aus dem Ärmel. Auf die Frage, ob er nachts vom Eier-Aufschlagen träumen würde, antwortet er lässig: „Nö. Wer von der Arbeit träumt, der arbeitet zu viel.“
Oder dem macht die Arbeit keinen Spaß, was man bei Timo nicht behaupten kann. Das liegt zweifellos nicht nur an der Arbeit selbst, sondern auch an dem Team aus rund 20 Mitarbeitenden, darunter 13 Vollzeitkräfte. Für Timo ein ideales Umfeld, ganz nach der Zielsetzung des Berufsbildungsbereichs der Lebenshilfe.
“Das Ziel ist, die Gesamtpersönlichkeit positiv weiterzuentwickeln und einen Arbeitsplatz zu finden, der für den Menschen leistbar ist, an dem er sich wohlfühlt und der ihm Spaß macht”, erklärt Gisela Rudhart vom BBB.
Dieses wertvolle inklusive Arbeitsverhältnis ist für Hof-Chef Kilian Kempter ebenso selbstverständlich, wie die nachhaltig-ökologische Ausrichtung des gesamten Betriebs.
“In der Regel wird alles verkauft, konsumiert oder geht über den Kompost zurück in den Kreislauf.”
Kilian Kempter
„Die Eier werden beispielsweise woanders einfach weggeschmissen, weil sie nicht so schön sind. Bei uns sind sie Teil des natürlichen Kreislaufs und werden für den Knödel-Teig verwendet, während die Schalen zu Kompost werden, in dem wiederum unser Gemüse wächst“, erzählt Kempter.
Auch die Semmel für die Knödel werden nicht extra produziert, sondern von der Bäckerei Brot & Brüder aus Friedrichshafen als Restprodukt weiterverwertet, sodass die Bäckerei sie nicht entsorgen muss. „Aufs ganze Jahr gesehen müssen wir vielleicht fünf Schalen Frischkäse entsorgen. In der Regel wird alles verkauft, konsumiert oder geht über den Kompost zurück in den Kreislauf“, so Kempter.
Auf dieses System der Kreislaufwirtschaft in einem landwirtschaftlichen Betrieb, dessen Geschichte bis ans Ende des 18. Jahrhunderts zurückreicht, hatten schon Kilians Eltern in den Neunzigerjahren umgestellt. Zu diesem Zeitpunkt durchaus visionär.
„Wir haben auch schon lange ein nachhaltiges Energiekonzept“, bestätigt Kilians Mutter Martina. Selbstverständlich deckt das Hofdach eine PV-Anlage, „aber wir haben uns auch schon vor vielen Jahren von unserer Öl-Heizung getrennt, obwohl die noch einwandfrei gelaufen ist. Da wir aber einen eigenen Wald haben, haben wir auf Hackschnitzel umgestellt.“
“Wochenmärkte sind im Allgäu ein Kulturgut, hier begegnen sich Menschen, es findet sozialer Austausch statt. Da wollen wir unseren Beitrag leisten, um das zu erhalten.”
Kilian Kempter
Und man hat auf dem Kempterhof früh die Eigenvermarktung für sich entdeckt – mit hochwertigen Produkten aus der Region als Existenzgrundlage. „Wir lieben Lebensmittel einfach wirklich“, betont Kilian Kempter in Anspielung auf den Werbeslogan des größten deutschen Lebensmittelkonzerns.
„Wir nutzen keine Zusatzstoffe und bieten unsere Produkte auch für den offenen Verkauf an, was Verpackungsmüll reduziert.“ In den Neunzigerjahren hatte man den Kempters mit Nachdruck zu Käfighaltung bei Hühnern geraten, was Martina Kempter und ihr Mann Martin damals entschieden abgelehnt hatten.
„Das wollten wir nicht, denn das sind wir nicht. Da ging es uns auch um eine persönliche Haltung“, erklärt Martina Kempter. Sohn Kilian hat diese Haltung im doppelten Wortsinn übernommen: „Unsere Hühner sind Freiland-Hühner, unsere Rinder und Schafe halten wir nach Bio-Maßstäben.“
Zwar können die Produkte auch direkt vor Ort im Hofladen erworben werden. Doch für Kilian sind die regionalen Wochenmärkte nicht wegzudenken. „Das ist hier im Allgäu ein Kulturgut, hier begegnen sich Menschen, es findet sozialer Austausch statt. Da wollen wir unseren Beitrag leisten, um das zu erhalten.“
Die Frage, ob zu den bisherigen fünf Wochenmärkten künftig weitere bedient werden können, beantwortet Kilian Kempter mit einem Schmunzeln: „Das kommt darauf an, wie viele Knödel Timo macht.“



