Mitarbeitende der Lindenberger Werkstätten haben die Kläranlage in Weiler besucht. Der Besuch war Teil des Projekts “Der Umwelt zuliebe”, eines begleitenden Angebots für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Ziel des Projekts ist es, Umweltzusammenhänge im Alltag erlebbar zu machen – und dabei gab es einige Überraschungen.
Sechs Stunden. So lange dauert es, bis die Spülung eines Toilettengangs in Lindenberg die rund 3,5 Kilometer Luftlinie bis zur Kläranlage Rothach in Weiler-Bremenried über ein paar verschnörkelte Umwege zurückgelegt hat.
Was dann mit dem Spülgang passiert, beschreibt Sylvia Späth aus dem Redaktionsteam unserer Werkstattzeitung:
“Das hereinkommende Abwasser kommt zuerst in einen Feinrechen und wird dort mechanisch gereinigt. Danach geht es in eine Fettabscheidung und einen Sandfang mit Leichtstoffabscheider. Der Schlamm setzt sich im Vorklärbecken ab. Im Belebungsbecken wandeln Mikroorganismen Ammoniumstickstoff in Nitrat um, das dann wiederum in gasförmigen Stickstoff umgewandelt wird. Der Schlamm im biologisch gereinigten Wasser setzt sich im Nachklärbecken ab. Chemisch wird dann das Wasser durch Zugabe von Eisensalzen gereinigt. Die entstehenden Flocken verbinden sich mit Phosphor und werden über 18 riesige Sandfilter zurückgehalten. Das sind längliche und kreisrunde Zylinder im Boden der Kläranlage. Das gereinigte Abwasser wird dann in die Rothach geleitet und fließt so in den Bodensee.”
Diese spannenden Informationen erhalten wir zunächst von Georg Burger, der uns die Prozesse am Vorklärbecken erklärt und dann für den weiteren Rundgang von seiner Kollegin Lisa Wöhr abgelöst wird.
Beide sind examinierte Abwassertechniker und ihre Begeisterung für Wasser und Umwelttechnik springt schnell auf die Gruppe über.
Georg und Lisa erklären selbst komplizierte Vorgänge anschaulich und geduldig. So wird aus einem technischen Prozess eine spannende Geschichte über den Weg des Wassers.
Genau das war die Absicht von Ingo Mayer, der das begleitende Angebot “Der Umwelt zuliebe” ins Leben gerufen hat. Der Werkstatt-Gruppenleiter erklärt:
“Ich wollte ein Projekt anbieten, bei dem man in Bewegung ist und die Wahrnehmung für unser Alltagsumfeld schärfen kann. Es geht mir darum, dass wir unser alltägliches Handeln bewusster wahrnehmen und Zusammenhänge verstehen.”
Ingo traf sich im Vorfeld mit den Teilnehmenden seines Angebots, um zentrale Fragestellungen zu klären. Im Lauf des Projekts will man Antworten erarbeiten:
- Wie funktioniert die Müllentsorgung?
- Wo finden wir Müll?
- Was ist Müll?
- Was bedeutet Umweltschutz?
- Was geschieht mit unserem Abwasser?
- Wie kommen wir zu Trinkwasser?
Aus diesem Fragenkatalog wurde bereits eine Müllsammelaktion in Lindenberg abgeleitet. Und es entstand die Idee zum Besuch der Kläranlage Rothach.
Dort sorgt bei unserem Besuch die Information für Staunen, dass das Wasser nur rund 24 Stunden in der Kläranlage verbleibt, bis es gereinigt in die Rothach fließt. Bemerkenswert finden wir auch, dass zwischen 30 und 100 Litern Abwasser pro Sekunde ins Klärwerk strömen - bei Regen sogar 500 bis 600 Liter pro Sekunde.
Die wichtigsten “Mitarbeiter” sind für Lisa und Georg die Bakterien. Sie sorgen über die verschiedenen Klärstufen erst dafür, dass aus dreckiger Brühe wieder klares Wasser entsteht. Der Feinrechen entfernt zunächst vor allem grobe Feststoffe. Organische Bestandteile bleiben zunächst im Wasser und werden in den biologischen Reinigungsstufen von Mikroorganismen abgebaut.
Im Gegensatz übrigens zu feuchten Toilettentüchern, wie wir lernen. Denn egal, ob auf den Verpackungen “spülbar” und “schnell auflösbar” steht, feuchte Toilettentücher gehören NICHT in die Toiletten. Der Prozess der Auflösung dauert selbst bei den besten Produkten einfach zu lang, erklärt uns Lisa. “Bevor sie sich auflösen können, kommen die Tücher schon an den Abwasserpumpen an und verstopfen sie.” Den Rest greift sich der Feinrechen.
Natürlich können wir bei unserem Besuch den Reinigungsprozess des Wassers auch riechen - und erleben eine faustdicke Überraschung. Während wir am Vorklärbecken noch die Nase rümpfen, schmunzelt Lisa am Belebungsbecken über unsere irritiert dreinblickenden Gesichter.
Vor uns blubbert eine eklig anzusehende braune Brühe, Blasen quellen durch das mechanische Einpressen von Luft nach oben, Schaum sammelt sich an den Rändern. Allein der Anblick lässt vermuten, dass es einem in Nähe des Belebungsbeckens den Atem verschlägt. Doch weit gefehlt, die Brühe verströmt einen geradezu kosmetischen Duft.
“Es riecht nach Shampoo”, bestätigt Lisa. “Das ist die Folge eines ganz natürlichen Zersetzungsprozesses durch die Bakterien.”
Das Wasser fließt anschließend ins Nachklärbecken, wo das nächste Phänomen zu bewundern ist. Kristallklares Wasser tropft über den metallischen Rand und fließt zur finalen Filtration durch die Sandfilter. Die letzte Station auf dem Weg des Wasser in die Rothach.
Zurück bleiben Klärschlamm und Gase, die zur Düngung und Stromgewinnung genutzt werden. Zurück bleibt aber auch unser Staunen über die beeindruckende Technik und die Arbeit der Menschen in der Kläranlage – und ein neues Bewusstsein dafür, wie selbstverständlich wir Wasser im Alltag nutzen.
“Es war eine tolle und aufschlussreiche Führung”, meint Ingo. "Toilette und Wasserhahn werden wir künftig definitiv mit einem anderen Bewusstsein nutzen.”
