Ein Tag, zwei Arbeitswelten, dazu viele neue Perspektiven und wertvolle persönliche Begegnungen: Beim bundesweiten Aktionstag “Schichtwechsel” tauschen Menschen mit und ohne Behinderung ihren Arbeitsplatz.
So schnuppern Beschäftigte aus Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes hinein. Im Gegenzug erleben Beschäftigte dieser Unternehmen den Arbeitsalltag in einer Werkstatt.
Auf diese Weise erhielt Andrea Warthemann von der Buchhandlung Netzer ebenso Einblicke in die Abläufe der Lindenberger Werkstätten wie Jan Dorbas von der Klinik Ried, Sandrina Olbert von der Aramark GmbH und Norbert Hillenbrand vom Abwasserverband Obere Laiblach.
“Was für mich an diesem Tag sehr interessant war, ist diese Balance zwischen einer guten Zusammenarbeit mit den Menschen und der Notwendigkeit, dabei auch wirtschaftlich arbeiten zu müssen. Ich fand das toll und faszinierend. Für mich waren diese Erfahrungen beim Schichtwechsel daher extrem bereichernd. Das war eine der besten Aktionen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe", erklärte Andrea Warthemann von der Buchhandlung Netzer.
Ein Tagesfazit, dem Norbert Hillenbrand vom Abwasserverband Obere Laiblach ausdrücklich beipflichtete: “Das kann man nur weiterempfehlen.” Hillenbrand war nach eigener Aussage mit der Erwartung in die Werkstätte gekommen, “dass da in den Werkstätten von der Lebenshilfe halt irgendwas gebastelt wird. Aber es ist eine hochwertige Industrie-Produktion”.
Der Aktionstag “Schichtwechsel” ermöglicht somit wechselseitige Begegnungen auf Augenhöhe, neue Einblicke und für Menschen mit Unterstützungsbedarf auch erste Schritte in Richtung allgemeiner Arbeitsmarkt – etwa durch anschließende Praktika.
Eileen gehört zum Küchen-Team der Lindenberger Werkstätten. Beim Schichtwechsel tauschte sie Küche gegen Buchhandlung – für die 26-jährige leidenschaftliche Leserin ein rundum tolles Erlebnis.
“Der Tag hat mir richtig viel Spaß gemacht, das Personal war super nett", erzählt Eileen. “Heike aus der Buchhandlung hat mich an dem Tag begleitet, ich habe sie gleich ins Herz geschlossen.”
Eileen half dabei, neue Bücher einzuräumen und ältere auszusortieren. Besonders überrascht war sie, dass sie auch an die Kasse durfte. “Das hat mich total überrascht, dass man mir das zutraut. Und es hat alles geklappt, auch die Kunden waren alle sehr nett.”
Nervös oder ängstlich? “Kein bisschen”, antwortet Eileen sofort. Gemeinsam mit dem Sozialdienst der Lebenshilfe möchte sie nun klären, ob sie bei der Buchhandlung Netzer ein Praktikum machen kann. Aus einem Tag des Kennenlernens könnte damit eine neue berufliche Perspektive entstehen.
Eileens Kollege Martin blieb beim Schichtwechsel auf vertrautem Terrain: Der 56-Jährige verbrachte seinen Tag in der Küche der Aramark GmbH.
Er unterstützte das Team bei der Zubereitung von Mahlzeiten wie Gulasch mit Spätzle und bei der Essensausgabe. “Man wollte mich am liebsten auch gleich dabehalten, sie haben gesagt, dass sie mich nicht mehr hergeben wollen”, berichtet Martin schmunzelnd.
Ungewohnt war für ihn vor allem die Größe der Küche: “Unsere ist viel kleiner.” Die herzliche Atmosphäre gefiel ihm dagegen sofort. Und dass dort gleich vier FC-Bayern-Fans arbeiteten, war für den leidenschaftlichen Anhänger des Rekordmeisters natürlich ein zusätzliches Highlight.
Für Julian war es enorm spannend zu erfahren, was mit dem Wasser passiert, mit dem er sich die Hände wäscht. Der 23-Jährige arbeitet in der Werkstatt in der Abteilung Montage/Verpackung und konnte beim “Schichtwechsel” hinter die Kulissen einer Kläranlage blicken. “Das war sehr spannend und die ganzen Mitarbeiter waren sehr nett", erzählt Julian. “Ich durfte sogar auf einem Radlader mitfahren. Aber eigentlich hat mir an dem Tag alles gefallen.”
Dieses Fazit konnte auch Tilo ziehen. Der 41-Jährige arbeitet normalerweise in der Schreinerei der Lindenberger Werkstätten. Beim Schichtwechsel durfte er in die Verwaltung der Klinik Ried hineinschnuppern. Er frankierte und sortierte Post und arbeitete auch an der Rezeption mit.
“Mir hat an dem Tag einfach alles gefallen, es war eine super Atmosphäre. Ich durfte sogar mit dem Chefarzt essen", erzählt Tilo. Sein Fazit: ”Ich finde die Idee vom Schichtwechsel genial. Es ist spannend, wenn man auch mal in eine andere berufliche Rolle schlüpfen kann. Ich würde hier jederzeit ein Praktikum machen."
Ob das klappt, klären nun Bruna Wernet und Franziska Zapf vom Sozialdienst der Lindenberger Werkstätten. “Ein Praktikum kann der nächste Schritt für einen interessanten Außenarbeitsplatz sein”, erklärt Zapf.
Doch nicht nur deshalb war der Schichtwechsel auch 2026 wieder “ein voller Erfolg”, wie Wernet betont. “Beim Schichtwechsel besteht auch die Möglichkeit, dass sich Menschen begegnen und einander kennenlernen. Dadurch werden Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen abgebaut.”
Beide Sozialdienst-Mitarbeiterinnen verweisen auf die Niedrigschwelligkeit der Begegnungen, die der “Schichtwechsel” bietet. “Es geht auch darum, Unwissenheit entgegenzuwirken und dadurch Vorurteile abzubauen. Viele sind überrascht, was für Fähigkeiten unsere Werkstatt-Mitarbeitenden haben.”
Seit 2019 wird der Aktionstag “Schichtwechsel” bundesweit von der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) koordiniert. 2026 beteiligten sich rund 400 Werkstätten mit etwa 5.000 Tauschpartnerinnen und Tauschpartnern.
“Der Schichtwechsel schafft Raum für Begegnungen und neue Perspektiven und hilft dabei, Vorurteile und Klischees abzubauen”, erklärt die BAG WfbM. Eine Aussage, die sich mit den Einschätzungen von Franziska Zapf und Bruna Wernet deckt.
Es geht um einen zentralen Aspekt der Inklusion: Mittendrin statt nur dabei. Teilhabe am Arbeitsleben bedeutet schließlich nicht nur, Zugang zu Arbeit zu ermöglichen. Sie bedeutet auch, in einem Team dazuzugehören, dort eigene Fähigkeiten einzubringen und neue Möglichkeiten zu entdecken.
Der Schichtwechsel zeigt, wie wertvoll dieser Perspektivwechsel für beide Seiten sein kann. Eine inklusive Arbeitswelt entsteht dort, wo Menschen nicht nur nebeneinander arbeiten, sondern miteinander. Dort, wo zwischenmenschliche Begegnung stattfindet, Austausch und Gemeinschaft.
Die Lebenshilfe Lindau und die Lindenberger Werkstätten bedanken sich herzlich bei der Buchhandlung Netzer, der Klinik Ried, der Aramark GmbH und dem Abwasserverband Obere Laiblach für ihre Offenheit und ihr Engagement.
Einmal mehr hat der Schichtwechsel neue Perspektiven eröffnet, Begegnungen ermöglicht und Teilhabe erlebbar gemacht.
EINFACHE SPRACHE:
Beim Aktionstag „Schichtwechsel“ tauschen Menschen mit und ohne Behinderung für einen Tag ihren Arbeits-Platz.
Menschen aus einer Werkstatt arbeiten einen Tag lang in einer Firma.
Mitarbeitende aus der Firma arbeiten einen Tag lang in der Werkstatt.
Die Lebenshilfe Lindau und die Lindenberger Werkstätten haben auch im Jahr 2026 wieder mitgemacht.
Eileen arbeitet sonst in der Küche und hat für einen Tag in einer Buchhandlung mitgeholfen.
Dort durfte sie sogar an der Kasse arbeiten und möchte dort jetzt ein Praktikum machen.
Martin verbrachte seinen Tag in der Küche von einem Unternehmen und hat bei der Essens-Ausgabe geholfen.
Julian hat das Klär-Werk besucht und durfte auf einem Rad-Lader mitfahren.
Tilo durfte in einer Klinik mitarbeiten und die Post sortieren.
Alle Teilnehmenden hatten viel Spaß und haben nette Menschen kennengelernt.
Der Tag hilft dabei, Vorurteile abzubauen und neue Möglichkeiten für die Zukunft zu finden.
Durch den Austausch lernen alle Menschen besser miteinander zu arbeiten.
Michael Wollny
Kommunikation / Öffentlichkeitsarbeit & Social Media
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